Schachnovelle

schachnovelle
Schach ist auf seine ganz eigene Art faszinierend.
In der Grundschule war ich in einer Schach AG und das erste Computerspiel, an das ich mich erinnern kann, war ein Schachspiel. Von diesem Schachspiel muss J. K. Rowling die Inspiration für ihr Zauberschach haben, denn dort haben sich die Figuren auch gegenseitig umgebracht. Und weil das alles so aufregend war, hat sich der Computer regelmäßig bei den Berechnungen für den nächsten Zug und dessen Ausführung aufgehängt.
Schach ist also nicht nur faszinierend, sondern auch nervenaufreibend. Gleiches zeigt auch Stefan Zweigs Schachnovelle.

Dieses kurze Büchlein fällt in die Kategorie: Sehr überraschend. Aufmerksam darauf hat mich mein Freund gemacht. Die drei Worte, die er dazu verloren hat, waren so interessant, dass ich es unbedingt lesen musste:

Das geht’s um diesen Typen, der in Gefangenschaft gegen sich selbst Schach spielt.

Ein bisschen irreführend, würde ich im Nachhinein zwar sagen, aber nicht falsch.
Wir lernen im Buch drei wesentliche Charaktere kennen. Den Ich-Erzähler (über den wir nicht viel charakteresierendes erfahren), der sich auf einer Überfahrt von New York nach Buenos Aires befindet, während derer er ein Genie des Schachspiels zu treffen sucht. Detailliert beschreibt er diesen eigenbrötlerischen, leidenschaftslosen, leicht unsozialen Schachautomaten, der jede Partie gewinnt. Vielleicht etwas behäbig, aber dennoch sicher. Als der Erzähler und eine Gruppe Mitreisender im Begriff sind, mit Pauken und Trompeten gegen den Schachautomaten unterzugehen, tritt ein mysteriöser Spieler auf den Plan und wendet die Partie zu einem Remis. Er ist quasi das Gegenstück zum Schachautomaten: aufgeschlossen, leidenschaftlich und freimütig mit seiner Lebensgeschichte. Und der Gefangene, der mich so neugierig auf Schachnovelle machte.
Mit Wechsel des Charakters im Zentrum der Erzählung, ändert sich auch das Erzähltempo, möchte ich sagen. Ist es anfangs tatsächlich eher behäbig, ähnlich wie das Denken des Schachautomaten geschildert wird, wechselt es mit Eintritt des neuen Spielers. Es spiegelt die wahnhafte Entwicklung, die dieser in seiner Gefangenschaft durchlebt, auf beunruhigende Weise wider. Aus seinen Sätzen lächelt den Leser lauernd die Schizophrenie an, die nötig ist, um in Gedanken gegen sich selbst Schach zu spielen. Sie zwingen dem Leser ein nervenaufreibendes Tempo auf, das es unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen.
Gepaart mit der perfekt inszenierten Erzählperspektive, die es für mich das erste Mal unerheblich machte, dass man über den Erzähler selbst nicht viel erfährt, da er nur Beobachter und allenfalls Katalysator der Ereignisse ist, machen diese 110 Seiten für mich zu einer absoluten Leseempfehlung mit voller Sternzahl.

Yours, Aly <3

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