Gemeinsam lesen #19

BücherDieses Mal gibt es besonderes Gemeinsam lesen. Da ich gerade mit dem Buch fertig geworden bin und ich an dieser Stelle auch immer schon eine Minirezension schreibe, mache ich dieses Mal eine große daraus. Ich sage euch gleich hier, ich werde spoilern. Wer also noch nicht wissen will, wie das Buch ausgeht, sollte den Teil vielleicht überspringen.

Weißt du überhaupt, was Djihad bedeutet? Djihad heißt Anstregung, Mühe. Und zwar die eigene Anstrengung, zu Allah zu finden. (S. 306)

1. Welches Buch liest du gerade (und auf welcher Seite bist du)?
Djihad_Paradise_Cover



Titel: Djihad Paradise
Autor: Anna Kuschnarowa
Verlag: Beltz & Gelberg, Weinheim Basel, 2013
Seiten: 416
Preis: € 14,95/ € 13,99
ISBN: 978-3407811554

Inhalt
Der sei kurz umrissen:
Julian und Romea, zwei Berliner Jugendliche, lernen sich kennen und lieben. Obwohl sie aus zwei verschiedenen Welten zu kommen scheinen, ist das zwischen ihnen etwas ganz besonderes. Gemeinsam suchen sie nach einem Sinn, nach einem Mehr im Leben und versuchen aus ihren Bahnen auszubrechen.
Sie landen über Umwege in einer muslimischen Bruderschaft und am Ende steht Julian mit einem Sprengstoffgürtel in einem Berliner Einkaufszentrum.

Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird.
Wenn es aber besser werden soll, muss es anders werden. (S. 241)

3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden?
Anfangs war ich wenig angetan davon, dass das Buch ständig zwischen Gegenwart, Vergangenheit, Julia-Ich und Romea-Ich hin und her sprang, aber das gab sich Gott sei Dank schnell.
Dass die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Julian (später Abdel) und Romea (später Shania, dann wieder Romea), ist eine schöne Lösung. Durch die unterschiedliche Art und Weise, wie die beiden erzählen, kommt man den Charakteren näher.
Beide sind zwar auf ihre Weise extreme Stereotypen für das Trennungskind, dessen verbliebenes Elternteil an der Trennung zugrunde geht und das Leben abschreibt (Julian) und das überbeschützte Kind aus einer Akademikerfamilie, das alle Möglichkeit der außerschulischen Bildung aufgezwungen bekommt (Romea), aber dennoch wird daraus im Buch, besonders bei Romea, mehr. Es stört auch nicht weiter, da die Geschichte überzeugend erzählt ist.
Die Stile, in denen die jeweiligen Passagen verfasst sind, sind verschieden und unterstreichen dadurch die Charaktere noch besser. Bekommt man von Julian gerne den Möchtegern-Gangsta-Slang um die Ohren gehauen, sind Romeas Passagen gemäß ihrer Erziehung und Bildung eloquenter. Trotzdem finden sich bei ihr auch typische Worte der Jugendsprache.

Die erste Hälfte des Buches ist hierbei mehr oder weniger Vorspiel, das erklärt, wie die beiden am Ende dorthin kommen, wo sie sind. Auch hier zeigt sich schon, dass beide mehr vom Leben erwarten, wenn sie auch beide noch nicht wissen, was genau das ist.

„Na ja, wir sind doch keine ernst zu nehmenden Persönlichkeiten. Wir sind doch einfach bloß Konsumenten. Unsere Leben haben keinen Sinn. Wir funktionieren, damit wir konsumieren können. Und wozu? Ich meine, wo ist das Leben? Es muss doch noch mehr geben?“ (S. 68)

Die Beziehung ist romantisch, wild, für die Ewigkeit und steht Bella, Edward & Co. in nichts nach. Sie ist sogar besser, denn sie ist glaubhafter (könnte daran liegen, dass Julian kein Glitzervampir mit Zeitreisegen ist).
Der Weg in die extreme Seite der Religion ist mit Sicherheit auch stereotyp geschildert, aber dennoch ist es (traurig aber wahr) wahrscheinlich genau das, was tatsächlich passiert und was auf extremistischer Seite gezielt ausgenutzt wird. Zunächst steht man dem ganzen kritisch bis ablehnend gegenüber, aber irgendwann ist der Moment erreicht, in dem die Neugier überwiegt.
Und plötzlich ist es da, dieses Gefühl.

„Ich spüre etwas Großes, das mich glücklich macht, aber ich weiß noch nicht, ob das Gott ist“, antwortete ich. (S. 203)

Seit ich die Schahada gesprochen hatte, […] ergab alles einen Sinn, auf einmal konnte ich die Welt, die wirkliche Welt, sehen. Klar und schön stand sie vor mir. Und auch meine Gedanken waren so gebirgsbachklar, so diamantrein und gleichzeitig so rasierklingenscharf, dass ich allen Versuchungen widerstand. (S. 234f)

Ich denke, dass es jedem nicht-religiösen Menschen sehr schwer fällt, das nachzuvollziehen. Aber der Prozess, wie sich beide mehr und mehr dem Islam zuwenden, weil sie in der Gemeinschaft und im Gebet genau das gefunden zu haben glauben, was sie gesucht haben, ist überzeugend dargestellt. Es nicht überzogen, nicht zu schnell. Gerade richtig.
Von hier an entwickeln sich Romea und Julian, nun Shania und Abdel, jedoch anders.
Während Romea die Religion sich auch kritisch mit der Religion auseinandersetzt und die Auslegung in ihrer Gemeinde hinterfragt, wird Julian mehr und mehr zum religiösen Fanatiker, was schließlich zum Bruch zwischen den beiden führt.
Am Ende hat Romea zu einer Religionspraxis gefunden, die ihr Halt im Leben gibt und Julia ist Gotteskrieger, der den Märtyrertod sterben will.
(Zumindest letzteres war nach zehn Seiten klar, bisher habe ich also nicht zu sehr gespoilert.) Zwar flackern auch seinerseits hin und wieder Zweifel auf, aber diese kleine Stimme wird sofort zum Schweigen gebracht.
Jetzt sind wir also wieder am Anfang, Abdel steht mit Sprengstoffweste im Alexa, Romea hat seinen Namen gerufen.
Und jetzt kommt der Spoiler, und ich muss es sagen, weil das genau der Grund ist, warum das Buch von mir die Bewertung bekommt, die es bekommt.
Abdel erkennt seine Fehler, die Gehirnwäsche, Julian übernimmt wieder die Kontrolle. Er entscheidet sich, nicht den Märtyrertod zu sterben, denn das Paradies ist hier und jetzt – egal, was danach kommen mag.
Und dennoch ist es zu spät. Durch polizeiliche Gründlichkeit explodiert der Sprengsatz trotzdem.

Over. (S. 413)

Und genau für dieses Nicht-Happy-Ending liebe ich das Buch. Nichts hätte es mehr kaputt gemacht, als wenn die Autorin nicht dem Mumm gehabt hätte, alles mit letzter Konsequenz durchzuziehen. Ja, es ist furchtbar. Aber es passt.
Zusammen mit dem überzeugenden Stil (wenn der Jugendslang auch nicht ganz so überzeugend daherkommt wie in Tschick), der hochaktuellen Thematik, den für mich überzeugenden Charakteren gibt es für mich nur eine Wahl:

4_Sterne

Yours, Aly <3 Diese Woche findet ihr die Links aller, die gemeinsam lesen bei Schlunzenbücher.

Bild: RLHyde via flickr (Hooray for Creative Commons!)

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Und damit die letzte Frage nicht unbeantwortet bleibt:
4. Welches „muss ich unbedingt haben“-Buch liegt am längsten auf deinem SUB und warum hast du es noch nicht gelesen?
Oh mein Gott, was für eine Frage. Von den Büchern, die ich noch nicht aussortiert habe, ist es wohl Stephen Kings The Stand – Das letzte Gefecht. Ich habe sogar schon ernsthaft angefangen und es fehlen nicht mehr viele Seite, aber fast fertig ist eben nicht fertig. Warum? Es kamen immer andere Bücher, die mich dann mehr gereizt haben. The Stand ist nicht schlecht, aber es ist lang. Und manche Charaktere nerven mich einfach, wenn und weil sie nicht aus den Puschen kommen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich die letzten 200 Seiten oder so noch schaffe. Immerhin habe ich zwar die Verfilmung geschaut, aber das ist so lange her, dass ich mich nicht mehr erinnern kann. Und mittlerweile ist die Verfilmung so alt, dass man sie nicht mehr gucken kann.

2 Gedanken zu „Gemeinsam lesen #19

  1. Pingback: Top 5 Bücher 2014 | alyceen.

  2. Der Inhalt klingt wirklich sehr spannend. Ich lese ja zwischendrin gern mal Bücher, die sich mit anderen Kulturn/Denkweisen/… beschäftigen, daher spricht mich das Buch total an.

    Ich hab jetzt mal das meiste der Rezension nicht gelesen, aber der Anfang klingt wirklich vielversprechend. Wird gleich notiert :)
    Vielen Dankfür diese Empfehlung und ich verstehe, warum es eines deiner Jahreshighlights ist.

    Grüße,
    Julia

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